Der Christ

109 der christ

Christ ist jeder, der sein Vertrauen in Christus setzt. Mit der Erneuerung durch den Heiligen Geist erfährt der Christ eine Neugeburt und wird durch Gottes Gnade per Adoption in eine rechte Beziehung zu Gott und den Mitmenschen versetzt. Das Leben eines Christen zeichnet sich durch die Frucht des Heiligen Geistes aus. (Römer 10,9-13; Galater 2,20; Johannes 3,5-7; Markus 8,34; Johannes 1,12-13; 3,16-17; Römer 5,1; 8,9; Johannes 13,35; Galater 5,22-23)

Was bedeutet es, ein Kind Gottes zu sein?

Die Jünger Jesu konnten gelegentlich recht selbstherrlich sein. Einmal fragten sie Jesus: „Wer ist wohl der Grösste im Himmelreich?“ (Mt 18,1). Mit anderen Worten: Welche persönlichen Eigenschaften möchte Gott bei seinem Volk sehen, welche Beispiele findet er die besten?

Gute Frage. Jesus griff sie auf, um einen wichtigen Punkt klarzumachen: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Reich der Himmel kommen“ (V. 3).

Die Jünger müssen überrascht, wenn nicht verwirrt gewesen sein. Vielleicht dachten sie an jemanden wie Elia, der Feuer vom Himmel herab rief, um einige Feinde zu verzehren oder an einen Eiferer wie Pinhas, der Menschen tötete, die mit dem Gesetz des Mose Kompromisse machten (4Mo 25,7-8). Gehörten sie nicht zu den grössten in der Geschichte des Gottesvolks?

Aber ihre Idee von Grösse richtete sich auf falsche Werte. Jesus zeigt ihnen, dass Gott bei seinem Volk weder Angeberei noch kühne Aktionen sehen möchte, sondern Eigenschaften, die man eher bei Kindern findet. Feststeht, dass man, wenn man nicht kleinen Kindern ähnlich wird, überhaupt nicht in das Reich gelangt!

In welcher Beziehung sollten wir wie Kinder sein? Sollten wir unreif, kindisch, unwissend sein? Nein, kindische Wege sollten wir längst hinter uns gelassen haben (1Kor 13,11). Einige kindliche Eigenschaften sollten wir abgelegt, andere hingegen behalten haben.

Eine der Eigenschaften, die wir benötigen, ist Demut, wie Jesus in Matthäus 18, 4 sagt: „Wer nun sich selbst erniedrigt wie dieses Kind, der ist der Grösste im Reich der Himmel.“ Ein demütiger Mensch ist nach Gottes Vorstellung der grösste – sein Beispiel ist in Gottes Augen das Beste, das er in seinem Volk sehen möchte.

Aus gutem Grund; denn Demut ist eine Eigenschaft Gottes. Gott ist bereit, für unsere Rettung seine Privilegien aufzugeben. Was Jesus tat, als er Fleisch wurde, war keine Anomalie des Wesens Gottes, sondern eine Offenbarung des bleibenden, wirklichen Seins Gottes. Gott möchte, dass wir wie Christus werden, ebenfalls bereit, Privilegien aufzugeben, um anderen zu dienen.

Manche Kinder sind demütig, andere nicht. Jesus bediente sich eines bestimmten Kindes, um einen Punkt klarzumachen: wir sollten uns in gewisser Hinsicht wie Kinder verhalten – besonders in unserem Verhältnis zu Gott.

Jesus erklärte auch, dass man als Kind auch anderen Kindern herzlich begegnen sollte (V. 5), womit er sicher an sowohl buchstäbliche Kinder als auch Kinder im übertragenen Sinn dachte. Als Erwachsene sollten wir jungen Leuten mit Höflichkeit und Respekt begegnen. Ebenso sollten wir höflich und respektvoll neue Gläubige empfangen, die noch unreif sind in ihrem Verhältnis zu Gott und in ihrem Verständnis der christlichen Lehre. Unsere Demut erstreckt sich nicht nur auf unsere Beziehung zu Gott, sondern auch auf die zu anderen Menschen.

Abba, Vater

Jesus wusste, dass er ein einzigartiges Verhältnis zu Gott hatte. Nur er kannte den Vater gut genug, um ihn anderen offenbaren zu können (Mt 11,27). Jesus redete Gott mit dem aramäischen Abba an, einem zärtlichen Ausdruck, den Kinder und Erwachsene für ihre Väter gebrauchten. Es entspricht etwa unserem modernen Wort „Papa“. Im Gebet redete Jesus mit seinem Papa, bat ihn um Hilfe und dankte ihm für seine Gaben. Jesus lehrt uns, dass wir nicht schmeicheln müssen, um eine Audienz beim König zu erlangen. Er ist unser Papa. Wir können ihn ansprechen, weil er unser Papa ist. Dieses Vorrecht hat er uns gegeben. Darum können wir zuversichtlich sein, dass er uns hört.

Wenn wir auch nicht auf gleiche Weise Gottes Kinder sind wie Jesus Sohn ist, so lehrte Jesus doch seine Jünger, zu Gott als Papa zu beten. Viele Jahre später bezog Paulus den Standpunkt, dass auch die über tausend Meilen von den aramäisch sprechenden Gebieten entfernte Kirche in Rom Gott mit dem aramäischen Wort Abba anrufen dürfe (Röm 8,15).

Es ist nicht erforderlich, das Wort Abba in heutigen Gebeten zu benutzen. Aber der weit verbreitete Gebrauch des Wortes in der frühen Kirche zeigt, dass es die Jünger sehr beeindruckte. Es war ihnen eine besonders enge Beziehung mit Gott geschenkt worden, eine Beziehung, die ihnen den Zugang zu Gott durch Jesus Christus garantierte.

Das Wort Abba war etwas Besonderes. Andere Juden beteten nicht so. Aber die Jünger Jesu taten es. Sie kannten Gott als ihren Papa. Sie waren Kinder des Königs, nicht nur Mitglieder einer erwählten Nation.

Wiedergeburt und Adoption

Der Gebrauch von verschiedenen Metaphern diente den Aposteln, die neue Gemeinschaft, die Gläubige mit Gott hatten, auszudrücken. Der Begriff Erlösung vermittelte den Gedanken, dass wir Gottes Eigentum werden. Wir wurden mit einem enormen Preis – dem Tod von Jesus Christus – vom Sklavenmarkt der Sünde losgekauft. Der „Preis“ wurde nicht für irgendeine bestimmte Person erbracht, bringt aber den Gedanken rüber, dass unsere Erlösung mit Kosten verbunden war.

Der Begriff Versöhnung betonte die Tatsache, dass wir einst Feinde Gottes waren und dass jetzt die Freundschaft durch Jesus Christus wiederhergestellt wurde. Sein Tod gestattete die Tilgung der uns von Gott trennenden Sünden aus unserem Sündenregister. Gott tat dies deshalb für uns, weil wir es unmöglich für uns selbst tun konnten.

Dann gibt uns die Bibel etliche Analogien. Doch die Tatsache des Gebrauchs verschiedener Analogien führt uns zu dem Schluss, dass uns keine von ihnen allein das komplette Bild wiederzugeben vermag. Das trifft besonders für zwei Analogien zu, die sich sonst gegenseitig widersprechen würden: die erste zeigt, dass wir von oben her [von neuem] als Kinder Gottes geboren wurden, und die andere, dass wir adoptiert wurden.

Diese beiden Analogien zeigen uns etwas Wichtiges in Bezug auf unser Heil. Wiedergeboren zu sein besagt, dass es eine radikale Änderung in unserem menschlichen Sein gibt, eine Veränderung, die klein beginnt und im Laufe unseres Lebens wächst. Wir sind eine Neuschöpfung, neue Menschen, die in einem neuen Zeitalter leben.

Adoption besagt, dass wir einmal Ausländer des Reichs waren, jetzt aber durch Gottes Entscheidung und mit Hilfe des Heiligen Geistes zu Gottes Kindern erklärt wurden und volle Rechte auf Erbschaft und Identität besitzen. Wir, die früher Fernen, sind durch das rettende Werk Jesu Christi nahe gebracht worden. In ihm sterben wir, aber wegen ihm müssen wir nicht sterben. In ihm leben wir, aber nicht wir sind es, die leben, sondern wir sind neue Menschen, die durch den Geist Gottes geschaffen werden.

Jede Metapher hat ihre Bedeutung, aber auch ihre Schwachstellen. Nichts in der physikalischen Welt kann vollständig vermitteln, was Gott in unserem Leben bewirkt. Mit den Analogien, die er uns gab, vereinbart sich besonders das biblische Bild von der Gotteskindschaft.

Wie Kinder werden

Gott ist Schöpfer, Versorger und König. Was uns aber noch viel wichtiger ist, er ist Papa. Es handelt sich um ein inniges Band, das in der bedeutsamsten Beziehung der Kultur des ersten Jahrhunderts zum Ausdruck kommt.

Menschen der damaligen Gesellschaft wurden durch ihren Vater bekannt. So hätte beispielsweise Ihr Name Joseph, Sohn des Eli lauten können. Ihren Platz in der Gesellschaft hätte Ihr Vater bestimmt. Ihren wirtschaftlichen Status, Ihren Beruf, Ihren zukünftigen Ehegatten hätte Ihr Vater festgelegt. Was Sie auch geerbt hätten, hätte von Ihrem Vater gestammt.

In der heutigen Gesellschaft spielen eher die Mütter die wichtigere Rolle. Viele Leute haben heute eine bessere Beziehung zur Mutter als zum Vater. Würde die Bibel heute geschrieben, würde man sicher mütterliche Gleichnisse ebenso berücksichtigen. Doch in biblischen Zeiten waren die väterlichen Gleichnisse wichtiger.

Gott, der selbst manchmal eigene mütterliche Eigenschaften von sich offenbart, nennt sich dennoch immer Vater. Wenn unsere Beziehung zu unserem irdischen Vater gut ist, dann funktioniert die Analogie gut. Haben wir aber eine schlechte Vaterbeziehung, fällt es uns schwerer zu erkennen, was Gott uns über unsere Beziehung mit ihm klarzumachen versucht.

Das Urteil, Gott sei nicht besser als unser irdischer Vater, steht uns nicht zu. Vielleicht sind wir aber kreativ genug, ihn uns in einer idealisierten Elternbeziehung, die ein menschliches Wesen niemals zu erreichen vermag, vorzustellen. Gott ist besser als der beste Vater.

Wie sehen wir als Gottes Kinder zu Gott als unserem Vater auf?

  • Gottes Liebe zu uns ist tief. Er bringt Opfer, um uns erfolgreich zu machen. Er schuf uns in seinem Ebenbild und möchte uns vollendet sehen. Oftmals erkennen wir erst als Eltern, wie sehr wir unsere eigenen Eltern schätzen sollten für alles, was sie für uns getan haben. In unserer Beziehung zu Gott können wir nur gedämpft empfinden, was er alles zu unserem Besten durchmacht.
  • Als völlig Abhängige von ihm blicken wir voll Vertrauen auf Gott. Unser eigenes Vermögen reicht nicht aus. Wir vertrauen ihm, dass er für unsere Bedürfnisse sorgen und uns für unser Leben Führung geben wird.
  • Wir geniessen tagtäglich seine Sicherheit, weil wir wissen, dass ein allmächtiger Gott auf uns Acht hat. Er kennt unsere Bedürfnisse, sei es das tägliche Brot oder Hilfe in Notfällen. Wir müssen uns nicht
    ängstlich sorgen, denn Papa wird uns versorgen.
  • Als Kindern ist uns eine Zukunft im Reich Gottes garantiert. Um eine andere Analogie zu gebrauchen: als Erben werden wir sagenhaften Wohlstand haben und in einer Stadt leben, in der Gold so reichlich vorhanden sein wird wie der Staub. Dort werden wir geistliche Fülle von weitaus grösserem Wert haben als alles, was wir heute kennen.
  • Wir haben Zuversicht und Mut. Wir können mit Freimut predigen, ohne Verfolgung zu fürchten. Selbst wenn man uns tötet, fürchten wir uns nicht; denn wir haben einen Papa, den uns keiner wegnehmen kann.
  • Wir können unsere Prüfungen mit Optimismus konfrontieren. Wir wissen, dass unser Papa Schwierigkeiten zulässt, um uns zu erziehen, damit es uns langfristig besser geht (Hebr 12,5-11). Wir sind zuversichtlich, dass er in unserem Leben wirkt, dass er uns nicht verstossen wird.

Das sind enorme Segnungen. Vielleicht fallen Ihnen noch mehr ein. Aber ich bin sicher, dass es nichts Besseres im Universum gibt, als ein Kind Gottes zu sein. Das ist der grösste Segen des Reiches Gottes. Wenn wir wie kleine Kinder werden, werden wir Erben all der Freude und all der Segnungen des
ewigen Reiches Gottes, das nicht erschüttert werden kann.

Joseph Tkach


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