Ich bin nicht 100% Venda

Politiker wie der frühere Präsident Thabo Mbeki oder Winnie Madikizela Mandela haben sich laut südafrikanischen Medien über die zunehmende Stammesverbundenheit unter Südafrikanern beschwert.

Der Kampf gegen die Apartheid drückte sich auch im Kampf gegen die Verbundenheit zur eigenen Volksgruppe aus. Wie viele andere Länder, besteht Südafrika aus vielen verschiedenen ethnischen Gruppen, auch wenn nur elf von ihnen offiziell anerkannt sind. Es gibt elf verschiedene Landessprachen in Südafrika: Afrikaans, Englisch, Ndebele, Swati, Xhosa, Zulu, Pedi, Sotho, Tswanga, Tsonga und Venda. Ausserdem werden unter anderem noch Sprachen wie Griechisch, Portugiesisch, Khosa, Italienisch und Mandarin gesprochen.

Auf vielen Autos findet man seit einiger Zeit Aufkleber, die den Fahrer zu einer Volksgruppe zuordnen lassen. „Ich bin 100% Venda“, „100% Zulu- Takalani Musekwa junge“, „Ich bin 100% Tsanwa“ usw. Auch wenn diese Aufkleber ein ehrlicher Versuch sind, die eigene Identität in einem multinationalen Staat zu definieren, so sind sie völlig fehlgeleitet. Meine Muttersprache ist zwar Venda, aber ich bin nicht 100% Venda. Muttersprache und Identität können nicht gleich gesetzt werden. Ein Chinese, der in London geboren und aufgewachsen ist und nur Englisch spricht, ist nicht unbedingt ein Engländer. Simon Vander Stel, ein Mann aus den Niederlanden, der im 17. Jahrhundert nach Kapstadt zog und der erste Gouverneur der Kapregion wurde, war nicht Niederländer. Er war der Enkel einer freien indischen Sklavenfrau und eines Niederländers. Niemand ist 100% von irgendwas. Wir sind nur 100% Mensch.

Wie ist das mit Jesus?

War er 100% Jude? Nein, das war er nicht. In seinem Stammbaum finden sich einige Frauen, die keine Israeliten waren. Es fasziniert mich, dass zwei der vier Schreiber der Evangelien sich dafür entschieden, ausführlich über die Stammesherkunft von Jesus Christus zu berichten. Haben Sie versucht, etwas zu beweisen? Matthäus beginnt seinen Text, indem er die Abstammung bis hin zu Abraham aufführt. Ich vermute, dass es sein Versuch war, um zu beweisen, dass Jesus derjenige ist, durch den die Versprechen, die Abraham gemacht wurden, erfüllt werden. Paulus schreibt den Galatern, die Nichtjuden waren: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abrahams Kinder und nach der Verheissung Erben“ (Gal 3, 28-29). Er sagt, dass jeder, der zu Christus gehört, auch ein Kind Abrahams und ein Erbe nach der Verheissung ist. Doch von welcher Verheissung spricht Paulus hier? Die Verheissung war, dass alle ethnischen Gruppen von Gott durch den Samen Abrahams gesegnet werden sollen. Auch im ersten Buch Mose wird davon berichtet: „Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden“ (1. Mose 12, 3).Paulus betonte dies auch in seinemBrief an die Gemeinde in Galatien: „Habt ihr denn so vieles vergeblich erfahren? Wenn es denn vergeblich war! Der euch nun den Geist darreicht und tut solche Taten unter euch, tut er’s durch des Gesetzes Werke oder durch die Predigt vom Glauben? So war es mit Abraham: »Er hat Gott geglaubt und es ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden« (1. Mose 15, 6). Erkennt also: die aus dem Glauben sind, das sind Abrahams Kinder. Die Schrift aber hat es vorausgesehen, dass Gott die Heiden durch den Glauben gerecht macht. Darum verkündigte sie dem Abraham (1. Mose 12, 3): »In dir sollen alle Heiden gesegnet werden.« So werden nun die, die aus dem Glauben sind, gesegnet mit dem gläubigen Abraham“ (Gal 3, 4-9).Matthäus hatte also nicht versucht zu beweisen, dass Jesus 100% Jude ist, denn auch Paulus schreibt: „nicht alle sind Israeliten, die von Israel stammen“ (Röm 9, 6).

Alle Menschen sind vom selben Stamm

Die Genealogie von Lukas dringt sogar noch tiefer in die Geschichte ein und erzählt deshalb von einer anderen Facette von Jesus. Lukas schreibt, dass Adam ein direkter Vorfahre von Jesus ist. Jesus war ein Sohn Adams, der der Sohn Gottes war (Lk 3, 38). Alle Menschheit stammt von diesem Adam, dem Sohn Gottes, ab. Lukas führt seine Ausführungen in der Apostelgeschichte weiter aus: „Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, damit sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts. Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschlicheKunst und Gedanken gemacht. Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Busse tun“ (Apg 17, 26-30).Die Nachricht, die Lukas weitergeben wollte, war, dass Jesus im Stamm der Menschheit verwurzelt ist, genauso wie wir. Gott erschuf alle Nationen, Völker und Stämme aus nur einem Mann: Adam. Er wollte, dass ihn nicht nur die Juden, sondern alle Völker aller Nationen suchen würden. Das ist die Weihnachtsgeschichte. Es ist die Geschichte über denjenigen, den Gott gesandt hat, damit alle Nationen gesegnet werden würden: „dass er uns errettete von unsern Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen, und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern und gedächte an seinen heiligen Bund und an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham, uns zu geben“ (Lk 1,71-73).

Lukas schildert noch mehr Details von der Geburt Jesu. Er berichtet von Engeln, die Hirten den Weg durch die Felder zur Geburtsstätte Jesus weisen:„Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch grosse Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens“ (Lk 2,10-14).

Die Weihnachtsnachricht, die Geburt Jesu, ist eine Freudennachricht, die für alle Menschen aller Nationen gilt. Es ist eine Friedensnachricht für Juden und Nicht-Juden: „Was sagen wir denn nun? Haben wir Juden einen Vorzug? Gar keinen. Denn wir haben soeben bewiesen, dass alle, Juden wie Griechen, unter der Sünde sind” (Röm 3, 9). Und weiter: „Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen“ (Röm 10, 12). „Denn er ist unser Friede, der aus beiden „eines“ gemacht hat und den Zaun abgebrochen hat, der dazwischen war, nämlich die Feindschaft“ (Eph 2, 14). Es gibt keinen Grund für Fremdenhass, für Hundertprozentigkeit oder für Krieg. Während des ersten Weltkriegs verstanden die Alliierten und die Deutschen die Weihnachtsbotschaft. Sie legten ihre Waffen für einen Tag nieder und verbrachten miteinander Zeit. Leider ging der Krieg gleich danach wieder weiter. So muss es jedoch nicht für Sie sein. Machen Sie sich bewusst, dass Sie 100% Mensch sind.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie die Menschen so sehen, wie Sie sie noch nie zuvor wahrgenommen haben: „Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr“ (2. Kor 5, 16).    

von Takalani Musekwa


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