Das Reich Gottes (Teil 3)

Bislang haben wir im Rahmen dieser Serie angeschaut, in welcher Hinsicht Jesus von zentraler Bedeutung für das Reich Gottes ist und auf welche Weise es gegenwärtig präsent ist. In diesem Teil werden wir sehen, wie dies den Gläubigen zur Quelle grosser Hoffnung gereicht.

Schauen wir uns dazu die ermutigenden Worte des Paulus im Römerbrief an:
Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. [...] Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat —, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. [...] Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld (Röm 8, 18; 20-21; 24-25).

An anderer Stelle schrieb Johannes folgendes:
Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder, es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Und ein jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist (1. Joh 3, 2-3).

Die Botschaft hinsichtlich des Reiches Gottes ist von ihrem Wesen her eine Botschaft der Hoffnung; sowohl im Hinblick auf uns selbst, als auch bezüglich Gottes Schöpfung als Ganzes. Schmerz, Leid und Schrecken, die wir in dieser gegenwärtigen bösen Weltzeit durchmachen, werden glücklicherweise ein Ende haben. Das Böse wird im Reich Gottes keine Zukunft haben (Offb 21, 4). Jesus Christus selbst steht nicht nur für das erste Wort, sondern auch für das letzte. Oder wie wir umgangssprachlich sagen: Er hat das letzte Wort. Deshalb müssen wir uns keine Sorgen darum machen, wie alles enden wird. Wir wissen es. Wir können darauf bauen. Gott wird alles ins rechte Lot bringen, und all jene, die bereit sind, die Gabe demütig zu empfangen, werden darum wissen und dies eines Tages erfahren. Alles ist, wie wir sagen, unter Dach und Fach. Der neue Himmel und die neue Erde werden mit Jesus Christus als ihrem auferstandenen Schöpfer, Herrn und Erlöser kommen. Gottes ursprüngliche Ziele werden vollendet werden. Seine Herrlichkeit wird die ganze Welt mit seinem Licht, seinem Leben, seiner Liebe und vollkommenen Güte erfüllen.

Und wir werden gerechtfertigt sein bzw. für recht befunden und nicht für Narren gehalten werden dafür, dass wir auf jene Hoffnung gebaut und danach gelebt haben. Wir können schon jetzt teilweise davon profitieren, indem wir in der Hoffnung in Christi Sieg über alles Böse und in seiner Kraft, alles neu machen zu können, unser Leben führen. Wenn wir getragen von der Hoffnung auf das unbezweifelbare Kommen des Reiches Gottes in seiner ganzen Fülle handeln, wirkt sich dies auf unser tägliches Leben, unser persönliches, wie auch unser soziales Ethos aus. Es beeinflusst, wie wir mit Widrigkeiten, Versuchungen, Leid bis hin zu Verfolgungen aufgrund unseres Hoffens auf den lebendigen Gott umgehen. Unser Hoffen wird uns darin beflügeln, andere mitzureissen, so dass auch sie von jener Hoffnung zehren, die nicht auf uns zurückgeht, sondern auf Gottes ureigenes Wirken. So ist das Evangelium Jesu nicht nur eine von ihm kündende Botschaft, sondern eine Offenbarung dessen, wer er ist und was er vollbracht hat und das wir auf die Vollendung seiner Herrschaft, seines Reiches, der Verwirklichung seiner letztendlichen Bestimmungen hoffen dürfen. Zu einem voll umfänglichen Evangelium gehört der Verweis auf Jesu unbezweifelbare Wiederkunft und die Vollendung seines Reiches.

Hoffnung, aber keine Vorhersehbarkeit

Eine solche Hoffnung auf das kommende Reich Gottes impliziert jedoch nicht, dass wir den Weg zu einem sicheren und vollkommenen Ende vorhersagen können. Wie Gott auf diese ihrem Ende entgegenstrebende Weltzeit einwirkt, ist weitestgehend unvorhersehbar. Das liegt daran, dass die Weisheit des Allmächtigen weit über die unsrige hinausgeht. Wenn er etwas aus seiner grossen Barmherzigkeit heraus zu tun beliebt, was immer es auch sei, so berücksichtigt dies alles an Zeit und Raum. Wir können dies unmöglich verstehen. Gott könnte es uns nicht erläutern, selbst wenn er es wollte. Aber es trifft auch zu, dass wir keiner weitergehenden Erklärungen bedürfen, die über das hinausgehen, was sich in den Worten und Taten Jesu Christi widerspiegelt. Er bleibt derselbe – gestern, heute und in Ewigkeit (Hebr 13, 8).

Gott wirkt auch heute genauso, wie es im Wesen Jesu offenbar wurde. Eines Tages werden wir dies rückblickend deutlich erkennen. Alles, was der Allmächtige tut, deckt sich mit dem, was wir hinsichtlich des irdischen Lebens Jesu hören und sehen. Wir werden dereinst zurückblicken und sagen: Oh ja, jetzt erkenne ich, dass der dreieinige Gott, als er dieses oder jenes tat, ganz seiner Art entsprechend handelte. Sein Tun spiegelt in allen Facetten unverkennbar die Handschrift Jesu wider. Ich hätte es wissen müssen. Ich hätte es mir denken können. Ich hätte es ahnen können. Das ist ganz und gar typisch für Jesus; es führt alles vom Tod zur Auferstehung und Christi Himmelfahrt.

Selbst im irdischen Leben Jesu war das, was er zu tun und zu sagen pflegte, für jene, die mit ihm Umgang hatten, nicht vorhersehbar. Für die Jünger war es schwer, mit ihm mitzuhalten. Obwohl es uns vergönnt ist, rückblickend zu urteilen, ist die Herrschaft Jesu noch im vollen Gange, und so ermöglicht uns unsere Rückschau keine planbare Vorausschau (und wir bedürfen ihrer auch nicht). Wir können aber sicher sein, dass Gott nach seinem Wesen, als dreieiniger Gott, seinem Charakter der heiligen Liebe entsprechen wird.

Es mag auch gut sein, festzuhalten, dass das Böse vollkommen unberechenbar und launenhaft ist und keinen Regeln folgt. Das macht es zumindest teilweise aus. Und so trägt unsere Erfahrung, die wir in diesem, seinem Ende entgegengehenden irdischen Zeitalter machen, ebensolche Züge, insofern das Böse eine gewisse Nachhaltigkeit auszeichnet. Aber Gott wirkt den chaotischen und launenhaften Tücken des Bösen entgegen und stellt es letztlich in seine Dienste – gewissermassen als Art von  Zwangsarbeit. Denn der Allmächtige lässt nur zu, was der Erlösung anheimgestellt werden kann, weil schlussendlich mit der Schaffung eines neuen Himmels und einer neuen Erde, dank Christi den Tod überwindender Auferstehungskraft, alles seiner Herrschaft unterstellt werden wird.

Unsere Hoffnung stützt sich auf das Wesen Gottes, auf das Gute, was er verfolgt, und nicht darauf, vorhersagen zu können, wie und wann er handelt. Es ist Christi ureigener Erlösung verheissender Sieg, der jenen, die an das künftige Reich Gottes glauben und darauf hoffen, Geduld, Langmut und Beständigkeit, gepaart mit Frieden, schenkt. Das Ende ist nicht einfach so zu haben, und es liegt auch nicht in unserer Hand. Es wird für uns in Christus bereitgehalten, und deshalb brauchen wir uns in diesem, seinem dem Ende entgegengehenden, gegenwärtigen Zeitalter keinerlei Sorgen zu machen. Ja, wir sind manchmal schon betrübt, aber nicht ohne Hoffnung. Ja, wir tragen manchmal Leid, jedoch in der vertrauensvollen Hoffnung, dass unser allmächtiger Gott alles überblickt und nichts geschehen lässt, das nicht in Gänze der Erlösung anheimgestellt werden kann. Im Grunde ist bereits jetzt in Gestalt und Wirken Jesu Christi Erlösung erfahrbar. Alle Tränen werden abgewischt werden (Offb 7, 17; 21, 4).

Das Reich ist Gottes Geschenk und sein Werk

Lesen wir das Neue Testament und parallel dazu, das zu ihm hinführende Alte Testament, so wird deutlich, dass das Reich Gottes sein eigen ist, sein Geschenk und seine Leistung – nicht die unsrige! Abraham wartete auf eine Stadt,  deren Baumeister und Schöpfer Gott ist (Hebr 11, 10). Sie gehört in erster Linie dem Fleisch gewordenen, ewigen Sohn Gottes. Jesus betrachtet sie als  mein Reich (Joh 18, 36). Von diesem spricht er als seinem Werk, seiner Leistung. Er führt es herbei; er bewahrt es. Wenn er wiederkehrt, wird er sein Erlösungswerk in vollem Umfang zur Vollendung bringen. Wie könnte es anders sein, wenn er doch der König ist und sein Werk, dem Reich seinen Wesenskern, seine Bedeutung, seine Realität verleiht! Das Reich ist Gottes Werk und sein Geschenk an die Menschheit. Ein Geschenk kann von Natur aus lediglich entgegengenommen werden. Der Empfänger kann es sich weder verdienen noch selbst hervorbringen. Worin besteht also unser  Anteil? Selbst diese Wortwahl mutet etwas gewagt an. Wir haben keinen  Anteil daran, das Reich Gottes tatsächlich Wirklichkeit werden zu lassen. Aber es wird uns in der Tat zuteil; wir halten Einkehr in sein Reich und erfahren schon jetzt, da wir in der Hoffnung auf seine Vollendung leben, etwas von den Früchten der Herrschaft Christi. Jedoch heisst es im Neuen Testament an keiner Stelle, dass wir das Reich aufbauen, es erschaffen bzw. hervorbringen. Leider greift ein solcher Wortlaut in einigen christlichen Glaubenskreisen mehr und mehr um sich. Eine derartige Fehlinterpretation ist auf besorgniserregende Weise irreführend. Das Reich Gottes ist nicht unser Tun. Wir helfen dem Allmächtigen nicht, peu à peu sein vollkommenes Reich zu verwirklichen. Es sind nicht wir, die, wie auch immer, seine Hoffnung in die Tat umsetzen bzw. die seinen Traum wahr werden lassen!

Bringt man Menschen dazu, etwas für Gott zu tun, indem man ihnen suggeriert, er sei  auf uns angewiesen, so erschöpft sich eine solche Motivation in der Regel nach kurzer Zeit und führt oft zum Burnout oder zur Enttäuschung. Aber der schädlichste und gefährlichste Aspekt einer derartigen Darstellung Christi und seines Reiches besteht darin, dass auf diese Weise Gottes Beziehung zu uns vollkommen umgedreht wird. Der Allmächtige wird damit als von uns abhängig betrachtet. Im Verborgenen schwingt dabei die Unterstellung mit, er könne dann ja wohl schlechterdings nicht getreulicher sein als wir. Wir werden so zu den Hauptakteuren bei der Verwirklichung von Gottes Ideal. Dieser macht dann einfach sein Reich möglich und hilft uns sodann so gut er kann und soweit es unsere eigenen Bemühungen zulassen, es zu verwirklichen. Diesem Zerrbild zufolge, bleiben Gott weder wahre Souveränität noch Gnade. Es kann lediglich in Stolz beflügelnde Werkgerechtigkeit münden oder zu Enttäuschung bis hin zur möglichen Aufgabe des christlichen Glaubens führen.

Das Reich Gottes darf nie als Vorhaben bzw. Werk des Menschen dargestellt werden, unabhängig davon, welche Motivation oder ethische Überzeugung jemanden dazu bewegen mag, dies zu tun. Ein derart fehlgeleiteter Ansatz verzerrt das Wesen unserer Beziehung zu Gott und gibt die Grösse von Christi bereits vollendetem Werk falsch wieder. Denn, wenn Gott nicht getreulicher sein kann als wir, gibt es wahrhaftig keine erlösende Gnade. Wir dürfen nicht in eine Form von Selbsterrettung zurückfallen; denn darin liegt keine Hoffnung.

von Dr. Gary Deddo


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