Unsere neue Identität in Christus (Teil 1)

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Martin Luther nannte die Christen „gleichzeitige Sünder und Heilige“. Diese Bezeichnung hat er ursprünglich auf Lateinisch verfasst simul iustus et peccator. Simul bedeutet auf Deutsch „gleichzeitig“, iustus steht für „gerecht“, et bedeutet „und“ und peccator steht für „Sünder“. Wenn man das wörtlich nimmt, bedeutet es, dass wir gleichzeitig in beidem, der Sündhaftigkeit und in der Sündlosigkeit leben. Luthers Leitspruch wäre dann ein Widerspruch in sich. Aber er sprach metaphorisch und wollte das Paradox ansprechen, dass wir im Reich Gottes auf der Erde nie ganz frei von sündigen Einflüssen sind. Obwohl wir mit Gott versöhnt sind (Heilige), leben wir kein perfektes Christus ähnliches Leben (Sünder). Als Luther diesen Spruch formulierte, gebrauchte er hin und wieder dieSprache des Apostel Paulus, um zu verdeutlichen, dass der Kern des Evangeliums eine doppelte Anrechnung ist. Zum einen werden unsere Sünden Jesus angerechnet und uns seine Gerechtigkeit. Diese gesetzliche Fachsprache der Anrechnung ermöglicht es auszudrücken, was rechtlich und damit tatsächlich wahr ist, auch wenn es im Leben der Person, auf die es zutrifft, nicht sichtbar ist. Luther sagte auch, dass abgesehen von Christus selbst, seine Gerechtigkeit niemals unser eigener Besitz wird (unter unserer Kontrolle). Es ist ein Geschenk, das nur dann unser eigen ist, wenn wir es von ihm annehmen. Wir empfangen dieses Geschenk, indem wir mit dem Geber des Geschenkes vereint sind, da letztlich der Geber selbst das Geschenk ist.Jesus ist unsere Gerechtigkeit!Luther hatte natürlich noch viel mehr über das christliche Leben zu sagen, als nur diesen einen Satz. Auch wenn wir mit dem grössten Teil des Satzes übereinstimmen, gibt es Aspekte, in denen wir ihm nicht zustimmen können. J. de Waal Drydens Kritik in einem Artikel in The Journal of the Study of Paul and His Letters führt dies folgendermassen aus (Ich danke meinem guten Freund John Kossey, dass er mir diese Zeilen geschickt hat.):

[Luthers] Spruch hilft das Prinzip zusammenzufassen, dass der gerechtfertigte Sünder gerecht gesprochen wird durch die „fremde“ Gerechtigkeit Christi und nicht nach der individuellen, eigenen, innewohnenden Gerechtigkeit. Wo sich dieser Spruch nicht als hilfreich erweist, ist, wenn er – ob bewusst oder unbewusst – als das Fundament für die Heiligung (des christlichen Lebens) angesehen wird. Das Problem liegt hier in der andauernden Identifizierung des Christen als „Sünder“. Das Substantiv peccator deutet auf mehr als nur einem deformierten moralischen Willen oder eine Neigung zu verbotenen Handlungen hin, sondern definiert die Seinslehre des Christen. Der Christ ist nicht nur in seinen Tätigkeiten sündig, sondern auch in seinem Wesen.Psychologisch gesehen, beschwichtigt Luthers Spruch die moralische Schuld, aber hält Scham aufrecht. Das selbsterklärende Bild des gerechtfertigten Sünders, das zwar auch Vergebung offen verkündigt, untergräbt eben genau diese Vergebung, wenn sie ein Verständnis des Selbst als bis in ihre Tiefe sündigen Wesens darstellt, weil es kategorisch das verändernde Element von Christus ausschliesst. Der Christ hätte dann ein krankhaftes Selbstverständnis, das durch übliche Praktiken verstärkt wird und dadurch dieses Verständnis als eine christliche Tugend darstellt. Auf diese Art und Weise werden Scham und Selbstverachtung geschürt. („Revisiting Romans 7: Law, Self, Spirit,“ JSPL (2015), 148-149)

Unsere neueIdentität in Christus annehmen

Wie Dryden sagt, Gott „erhebt den Sünder in einen höheren Stand“. In Einheit und Gemeinschaft mit Gott, in Christus und durch den Geist, sind wir„eine neue Kreatur“ (2. Kor 5,17) und verwandelt, damit wir „Anteil“ bekommen an „der göttlichen Natur“ (2. Petr 1,4). Wir sind nicht länger sündige Menschen, die sich danach sehnen, von ihrer sündhaften Natur befreit zu werden. Im Gegenteil, wir sind Gottes adoptierte, geliebte, versöhnte Kinder, die in das Ebenbild Christi verwandelt sind. Unser Denken über Jesus und über uns selbst ändert sich radikal, wenn wir die Realität unserer neuen Identität in Christus annehmen. Wir begreifen, dass sie nicht unsere ist, wegen dem, was wir sind, sondern wegen Christus. Es ist nicht unsers wegen unseres Glaubens (der immer unvollendet ist), sondern durch den Glauben von Jesus. Beachtet, wie Paulus dieses in seinem Brief an die Gemeinde in Galatien auf den Punkt bringt:

Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben (Gal 2,20).

Paulus verstand Jesus sowohl als dasSubjekt als auch als das Objekt des rettenden Glaubens. Als Subjekt ist er der aktive Mittler, der Urheber der Gnade. Als Objekt antwortet er als einer von uns mit perfektem Glauben, tut dieses an unserer statt und für uns. Es ist sein Glaube und seine Treue, nicht unsere, die uns unsere neue Identität gibt und die uns in ihm gerecht macht. Wie ich vor einigen Wochen in meinem wöchentlichem Bericht anmerkte: indem er uns errettet, putzt Gott nicht unsere Weste sauber und überlässt uns dann unseren eigenen Bemühungen, Christus nachzufolgen. Im Gegenteil, durch Gnade befähigt er uns dazu, fröhlich an dem teilzunehmen, was erin und durch uns getan hat. Gnade, seht ihr, ist mehr als nur ein Schimmer in den Augen unseres himmlischen Vaters. Es stammt von unserem Vater, der uns erwählt hat, der uns Gaben und Versprechungen von vollkommener Erlösung in Christus schenkt, inklusive Rechtfertigung, Heiligung und Verherrlichung (1. Kor 1,30). Jeden dieser Aspekte unserer Erlösung erleben wir durch Gnade, in Einheit mit Jesus, durch den Geist, der uns als adoptierte geliebte Kinder Gottes gegeben ist, die wir in der Tat sind.

Auf diese Art und Weise über Gottes Gnade nachzudenken, verändert unsere Perspektive auf letztlich alles. Zum Beispiel: Bei meinem üblichen Tagesablauf denke ich vielleicht darüber nach, wo ich Jesus gerade hingezogen habe. Wenn ich mein Leben von der Perspektive meiner Identität in Christus überdenke, wird mein Denken verändert zu dem Verständnis, dass dieses nichts ist, wohin ich Jesus schleppen möchte, sondern dass ich dazu berufen bin, mich ihm anzuschliessen und das zu tun, was er tut. Diese Veränderung in unserem Denken ist genau das, worum es beim Wachsen in der Gnade und Erkenntnis über Jesus geht. Wenn wir enger mit ihm zusammen wachsen, teilen wir auch mehr von dem, was er tut. Das ist das Konzept vom Bleiben in Christus, von dem unser Herr in Johannes 15 spricht. Paulus nennt es in Christus „verborgen“ zu sein (Kol 3,3). Ich denke, es gibt keinen besseren Ort, um verborgen zu sein, denn in Christus ist nichts als Güte. Paulus verstand, dass es das Ziel des Lebens ist, in Christus zu sein. Das Bleiben in Jesus bewirkt in uns eine selbstsichere Würde und die Bestimmung, die unser Schöpfer für uns von Anfang an erdachte. Diese Identität befreit uns dazu, in der Freiheit von Gottes Vergebung und nicht mehr in der uns schwächenden Scham und Schuld zu leben. Es setzt uns auch dazu frei, mit dem sicheren Wissen zu leben, dass uns Gott durch den Geist von innen heraus verändert. Das ist die Wirklichkeit dessen, wer wir durch Gnade wahrhaft in Christus sind.

Das Wesen von Gottes Gnade falsch deuten und auslegen

Leider legen viele Menschen das Wesen von Gottes Gnade falsch aus und sehen es als einen Freifahrtschein, um zu sündigen (das ist der Fehler des Antinomianismus). Paradoxerweisetritt dieser Fehler meist dann auf, wenn Menschen Gnade und die auf Gnade basierende Beziehung mit Gott in ein rechtliches Konstrukt binden wollen (das ist der Fehler von Gesetzlichkeit). Innerhalb dieses rechtlichen Rahmens wird Gnade oft als Gottes Ausnahme zur Regel missverstanden. Gnade wird dann eine rechtliche Ausrede für unbeständigen Gehorsam. Wenn Gnade so verstanden wird, wird das biblische Konzept von Gott als liebenden Vater, der seine geliebten Kinder zurechtweist, ignoriert.Der Versuch, die Gnade in einen rechtlichen Rahmen hinein zu pressen, ist ein schrecklicher, lebensraubender Fehler. Rechtliche Arbeiten enthalten keine Rechtfertigung und die Gnade stellt hier auch keine Ausnahme zur Regel dar. Dieses Missverständnis von Gnade führt typischerweise zu liberalen, unstrukturierten Lebensstilen, die im Gegensatz zu dem gnadenbasierten und vom Evangelium geprägten Leben, das Jesus mit uns durch den Heiligen Geist teilt, stehen.

Durch Gnade verändert

Dieses unglückliche Missverständnis von Gnade (mit seinen falschen Schlussfolgerungen das christliche Leben betreffend) mag das schlechte Gewissen beschwichtigen, es verfehlt jedoch unwissentlich die Gnade der Veränderung – der Liebe Gottes in unseren Herzen, die uns durch den Geist von innen heraus verändern kann. Diese Wahrheit zu verpassen, führt letztlich zu einer Schuld, die in Angst verwurzelt ist. Aus meiner eigenen Erfahrung sprechend, kann ich sagen, dass ein Leben, welches in Angst und Scham begründet ist, eine schlechte Alternative, für ein in Gnade gegründetes Leben ist. Denn das ist ein Leben, das von der verändernden Liebe Gottes, der uns durch unsere Einheit mit Christus durch die Kraft der Geistes gerechtfertigt und heiligt. Beachtet die Worte Paulus an Titus:

Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen und nimmt uns in Zucht, dass wir absagen dem ungöttlichen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben. (Tit 2,11-12)

Gott hat uns nicht errettet, nur um uns mit Scham, Unreife und sündhaften und zerstörerischen Lebensweisen allein zu lassen. Durch Gnade hat er uns errettet, damit wir in seiner Gerechtigkeit leben. Gnade bedeutet, dass Gott uns niemals aufgibt. Er gibt uns auch weiterhin das Geschenk, an der Einheit mit dem Sohn und an der Gemeinschaft mit dem Vater teilzuhaben, sowie den Heiligen Geist in uns tragen zu können. Er uns dazu verändert, Christus ähnlicher zu werden. Gnade ist genau das, worum es bei unserer Beziehung mit Gott geht.

In Christus sind wir und werden wir immer geliebte Kinder unseres himmlischen Vaters sein. Alles worum er uns auffordert, ist, in der Gnade und im Wissen der Erkenntnis über ihn zu wachsen. Wir wachsen in der Gnade, indem wir lernen, ihm durch und durch zu vertrauen, und wir wachsen in der Erkenntnis über ihn, indem wir ihm nachfolgen und Zeit mit ihm verbringen. Gott vergibt uns nicht nur durch Gnade, wenn wir unser Leben in Gehorsam und Ehrfurcht leben, sondern er verändert uns auch durch die Gnade. Unsere Beziehung mit Gott, in Christus und durch den Geist, wächst nicht bis zu einem Punkt, wo wir Gott und seine Gnade scheinbar weniger benötigen. Im Gegenteil, unser Leben ist in jeder Hinsicht von ihm abhängig. Er macht uns neu, indem er uns von innen heraus rein wäscht. Wenn wir lernen, in seiner Gnade zu bleiben, lernen wir ihn besser kennen, lieben ihn und seine Wege ganz. Je mehr wir ihn kennen und lieben, desto mehr werden wir die Freiheit erleben, in seiner Gnade zu ruhen, frei von Schuld, Angst und Scham.

Paulus fasst es so zusammen:
Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme. Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen (Eph 2,8-10).

Lassen Sie uns nicht vergessen, dass es der Glaube Jesu – seine Treue – ist, die uns erlöst und verändert. Wie der Schreiber des Hebräerbriefes uns erinnert, Jesus ist der Anfänger und Vollender unseres Glaubens (Hebr. 12,2).    

von Joseph Tkach


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