Was ist Freiheit?

Freiheit ist mehr als Abwesenheit von Zwängen!

Kürzlich besuchten wir unsere Tochter und ihre Familie. Da las ich in einem Artikel den Satz: „Freiheit ist eben nicht Abwesenheit von Zwängen, sondern die Fähigkeit, aus Liebe zum Nächsten verzichten zu können.“ (Factum 4/09/49)

Wir haben schon einige Predigten über Freiheit gehört, oder dieses Thema selber schon studiert. Das Besondere an dieser Aussage jedoch ist für mich, dass Freiheit mit Verzicht in Verbindung gebracht wird. So wie wir uns Freiheit  im allgemeinen vorstellen hat sie nichts mit Verzicht zu tun. Ganz im Gegenteil, Unfreiheit wird mit Verzicht gleichgesetzt. Wir fühlen uns in unserer Freiheit eingeschränkt, wenn wir ständig von Zwängen herumkommandiert werden. Das tönt dann im Alltag ungefähr so:
„Du musst jetzt aufstehen, es ist schon fast sieben Uhr!“
„Jetzt muss das unbedingt erledigt werden!“
„Schon wieder den gleichen Fehler gemacht, noch nichts gelernt?“
„Du kannst jetzt nicht weglaufen, du hasst dich verpflichtet!“

Wir sehen dieses Denkmuster ganz deutlich aus der Diskussion, die Jesus mit den Juden geführt hat.

Wir finden sie in Johannes 8, 31 – 36
Nun sagte Jesus zu den Juden, die an ihn gläubig geworden waren: „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, so seid ihr in Wahrheit meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Da entgegneten sie ihm: „Wir sind Abrahams Nachkommenschaft und haben noch niemals jemandem als Knechte gedient; wie kannst du da sagen: Ihr werdet frei werden? Jesus antwortete ihnen: „Wahrlich, wahrlich ich sage euch: ein jeder, der Sünde tut, ist ein Knecht der Sünde. Der Knecht aber bleibt nicht für immer im Hause, der Sohn dagegen bleibt für immer darin. Wenn also der Sohn euch frei gemacht hat, dann werdet ihr wirklich frei sein.

Als Jesus angefangen hat von Freiheit zu sprechen, haben seine Zuhörer sofort einen Bogen gezogen zu der Situation eines Knechtes oder eines Sklaven. Ein Sklave ist sozusagen das Gegenteil von Freiheit. Er muss auf vieles verzichten, er ist sehr eingeschränkt. Jesus aber lenkt seine Zuhörer von ihrem Freiheitsbild weg. Die Juden meinten, sie seien ja schon immer frei gewesen, dabei waren sie zu der Zeit Jesu ein von den Römern besetztes Land und waren vorher schon oft unter Fremdherrschaft und sogar in der Sklaverei.

Was Jesus unter Freiheit verstand, war also etwas ganz anderes, als die Zuhörer verstanden. Sklaverei hat gewisse Ähnlichkeiten mit der Sünde. Wer sündigt, ist ein Knecht der Sünde. Wer in Freiheit leben möchte, muss von der Sündenlast befreit werden. In dieser Richtung sieht Jesus die Freiheit. Freiheit ist etwas, das von Jesus herkommt, was er ermöglicht, was er vermittelt, was er erwirkt. Die Schlussfolgerung dazu wäre dann, dass Jesus selbst die Freiheit verkörpert, dass er absolut frei ist. Man kann nicht Freiheit schenken, wenn man nicht selber frei ist. Wenn wir also das Wesen Jesu besser verstehen, so werden wir auch Freiheit besser verstehen. Eine markante Stelle zeigt uns, was die grundlegende Wesensart Jesu war und ist.

Pilipper 2, 5 – 7
Solche Gesinnung wohne in euch allen, wie sie auch in Christus Jesus vorhanden war; denn obgleich er Gottes Gestalt (göttliche Wesensgestalt oder Wesensart) besass, sah er doch das Gleichsein mit Gott nicht als einen gewaltsam festzuhaltenden Raub (unveräusserlicher, kostbarer Besitz) an; nein er entäusserte sich selbst (seiner Herrlichkeit), indem er Knechtsgestalt annahm, ganz in menschliches Wesen einging und in seiner leiblichen Beschaffenheit als ein Mensch erfunden wurde.

Ein herausragendes Merkmal von Jesu Wesensart war sein Verzicht auf seinen göttlichen Stand. Er hat sich von seiner Herrlichkeit „entäussert“, freiwillig auf diese Macht und Ehre verzichtet. Er hat diesen kostbaren Besitz abgelegt und gerade das hat ihn dazu qualifiziert, der Erlöser zu sein, einer der löst, der befreit, der Freiheit möglich macht, der anderen zur Freiheit verhelfen kann. Dieser Verzicht auf ein Vorrecht ist ein ganz wesentliches Merkmal der Freiheit. Ich musste mich mit dieser Tatsache tiefer auseinandersetzen. Zwei Beispiele von Paulus haben mir dabei geholfen. Das eine finden wir in 1. Korinther 9, 24 – 25

Wisst ihr nicht, dass die, welche in der Rennbahn laufen, zwar alle laufen, dass aber nur einer den Siegespreis erhält? Lauft ihr nun in der Weise, dass ihr ihn erlangt! Jeder aber, der sich am Wettkampf beteiligen will, legt sich Enthaltsamkeit in allen Beziehungen auf, jene, um einen vergänglichen Kranz zu empfangen, wir aber einen unvergänglichen.

Ein Läufer hat sich ein Ziel gesetzt, und dieses will er erreichen. Auch wir sind in diesem Lauf eingebunden und da ist ein Verzicht notwendig. (Die Übersetzung Hoffnung für alle spricht in dieser Stelle von Verzicht) Es geht nicht nur um wenig Verzicht, sondern um „Enthaltsamkeit in allen Beziehungen“. So wie Jesus auf sehr viel verzichtet hat, um Freiheit weiter geben zu können, so sind auch wir aufgerufen auf vieles zu verzichten, damit auch wir Freiheit weitergeben können. Wir sind auf einen neuen Lebensweg gerufen worden, der zu einem unvergänglichen Kranz führt, der ewig bleibt; zu einer Herrlichkeit, die nie enden oder vergehen wird. Das zweite Beispiel ist mit dem ersten eng verbunden. Es wird im gleichen Kapitel beschrieben.

1. Korinther 9, 1 u. 4
Bin ich nicht ein freier Mann? Bin ich nicht ein Apostel? Habe ich nicht unsern Herrn Jesus gesehen? Seid ihr nicht mein Werk im Herrn? Haben wir Apostel etwa nicht das Recht Essen und Trinken zu beanspruchen?

Hier bezeichnet sich Paulus als freien Mann! Er bezeichnet sich als einen, der Jesus gesehen hat, als einen, der im Auftrag dieses Befreiers handelt und der auch klar ersichtliche Resultate vorzuweisen hat. Und in den folgenden Versen beschreibt er ein Recht, ein Vorrecht, das er, wie alle anderen Apostel und Prediger haben, nämlich dass er durch das Predigen des  Evangelium seinen Lebensunterhalt bestreitet, dass ihm dadurch ein Einkommen zusteht. (Vers 14) Paulus aber hat auf dieses Vorrecht verzichtet. Durch diesen Verzicht hat er sich einen Freiraum geschaffen, deshalb fühlte er sich frei und konnte sich einen freien Menschen nennen. Er war durch diesen Entscheid unabhängiger geworden. Er hat diese Regelung mit allen Gemeinden durchgezogen mit Ausnahme der Gemeinde in Philippi. Dieser Gemeinde hat er erlaubt, dass sie für sein leibliches Wohl sorgen dürfte.

In diesem Abschnitt finden wir aber nun eine Stelle, die etwas sonderbar anmutet. (Vers 14) Denn wenn ich die Heilsbotschaft verkündige, so habe ich daran keinen Grund zum Rühmen, denn ich stehe dabei unter einem Zwang; ein Wehe träfe mich ja, wenn ich die Heilsbotschaft nicht verkündigte!

Paulus, als freier Mann, spricht hier von einem Zwang, von etwas das er tun musste! Wie war das möglich? Hat er das Prinzip der Freiheit unklar gesehen? Ich denke eher, dass er uns durch sein Beispiel die Freiheit näher bringen wollte. Lesen wir weiter in

1. Korinther 9, 17 – 19 u. 23
Denn nur, wenn ich dies aus freiem Entschluss tue, habe ich (Anspruch auf) Lohn; wenn ich es aber unfreiwillig tue, so ist es nur ein Haushalteramt, mit dem ich betraut bin. Worin besteht demnach mein Lohn? Darin, dass ich als Verkündiger der Heilsbotschaft diese unentgeltlich darbiete, so dass ich von meinem Recht bei der Verkündigung der Heilsbotschaft keinen Gebrauch mache. Denn obwohl ich von allen Menschen unabhängig (frei) bin, habe ich mich doch allen zum Knecht gemacht, um die Mehrzahl von ihnen zu gewinnen. Alles das aber tue ich um der Heilbotschaft willen, damit auch ich Anteil an ihr erlange.

Paulus hat von Gott einen Auftrag erhalten und er wusste ganz genau, dass er dazu von Gott verpflichtet wurde; er musste es tun, er konnte in dieser Angelegenheit nicht davonschleichen. Er sah sich in dieser Aufgabe als Haushalter oder Verwalter ohne Anspruch auf Lohn. In dieser Situation aber hat Paulus doch einen Freiraum gewonnen, er sah trotz dieses Zwangs einen grossen Raum für Freiheit. Er verzichtete auf eine Entschädigung für seine Arbeit. Er machte sich sogar allen zum Knecht oder Sklaven. Er passte sich den gegebenen Umständen  und den Menschen, denen er das Evangelium verkündete an. Durch den Verzicht auf Entschädigung hat er viel mehr Menschen erreichen können. Die Menschen, die seine Botschaft hörten, sahen deutlich, dass hinter der Botschaft nicht Selbstzweck, Bereicherung oder Betrug stand. Von aussen betrachtet mag Paulus ausgesehen haben, wie einer, der unter ständigem Druck und Verpflichtung gestanden hat. Im Innern aber war Paulus nicht gebunden, er war unabhängig, er war frei. Wie kam das? Kehren wir doch einen Moment zurück zu der ersten Schriftstelle, die wir miteinander gelesen haben in Johannes 8, 34 - 35 Jesus antwortete ihnen: „Wahrlich, wahrlich ich sage euch: ein jeder, der Sünde tut, ist ein Knecht der Sünde. Der Knecht aber bleibt nicht für immer im Hause, der Sohn dagegen bleibt für immer darin.

Was meinte Jesus hier mit „Haus“? Was bedeutet für ihn ein Haus? Ein Haus vermittelt Geborgenheit. Denken wir doch an die Aussage Jesu, dass in seines Vaters Haus viele Wohnungen bereitet werden für die Kinder Gottes. (Johannes 14) Paulus wusste, dass er ein Kind Gottes war, er war nicht mehr Knecht der Sünde. In dieser Stellung war er geborgen (versiegelt?) Sein Verzicht auf Entschädigung für seine Aufgabe brachte ihn viel näher zu Gott und die Geborgenheit, die nur Gott vermitteln kann. Paulus hat sich für diese Freiheit stark eingesetzt. Das Verzichten auf ein Vorrecht war für Paulus wichtig, denn so gewann er göttliche Freiheit, die sich in der Geborgenheit bei Gott zeigte. In seinem irdischen Leben hat Paulus diese Geborgenheit erfahren und dafür Gott immer wieder gedankt und in seinen Briefen mit den Worten „in Christus“ darauf hingewiesen. Er wusste aufs tiefste, dass die göttliche Freiheit nur durch den Verzicht Jesu auf seinen göttlichen Stand ermöglicht wurde.

Ein Verzicht aus Liebe zum Nächsten ist der Schlüssel zu der Freiheit, die Jesus meinte.

Auch uns muss diese Tatsache jeden Tag klarer werden. Jesus, die Apostel und die ersten Christen haben uns ein Beispiel hinterlassen. Sie haben gesehen, dass ihr Verzicht weite Kreise ziehen wird. Viele Menschen wurden durch den Verzicht aus Liebe zu den Mitmenschen berührt. Sie haben auf die Botschaft gehört, haben die göttliche Freiheit angenommen, denn sie haben in die Zukunft geschaut, wie Paulus es in

Römer 8,21 - 23 formuliert hat:
...dass auch sie selbst, die Schöpfung, von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit werden wird zur (Teilnahme an der) Freiheit, welche die Kinder Gottes im Stande der Verherrlichung besitzen werden. Wir wissen ja, dass die gesamte Schöpfung bis jetzt noch überall seufzt und mit Schmerzen einer Neugeburt harrt. Aber nicht nur sie, sondern auch wir selbst, die wir doch den Geist als Erstlingsgabe bereits besitzen, seufzen gleichfalls in  unserem Innern beim Warten auf (das Offenbarwerden) der Sohnschaft, nämlich auf die Erlösung unseres Lebens.

Seinen Kindern gewährt Gott diese Freiheit. Sie ist ein ganz besonderer Anteil, den Gottes Kinder erhalten. Der Verzicht, den Gottes Kinder aus Nächstenliebe auf sich nehmen, wird durch die Geborgenheit, die Ruhe, die Gelassenheit, die von Gott kommt mehr als ausgeglichen.
Wenn einem Menschen diese Geborgenheit fehlt, dann sucht er die Unabhängigkeit, die Ungebundenheit getarnt als Emanzipation. Er will selbst bestimmen und nennt das Freiheit. Wie viel Unheil ist daraus schon geboren worden. Leid, Not und Leere, die aus einem Missverständnis der Freiheit hervorgegangen ist.

Als letzte Stelle möchte ich noch einen Abschnitt aus 1. Petrus 2, 2 – 6 lesen
Traget wie neugeborene Kinder Verlangen nach der vernünftigen, unverfälschten Milch (wir könnten diese Milch Freiheit nennen) damit ihr durch sie zur Seligkeit heranwachset, wenn ihr anders empfunden habt, dass der Herr gütig ist. Zu ihm tretet herzu, dem lebendigen Stein, der von den Menschen zwar verworfen, vor Gott aber auserwählt, kostbar ist, und lasset euch auch selbst wie lebendige Steine aufbauen als ein geistliches Haus (wo diese Geborgenheit zum tragen kommt), zu einer heiligen Priesterschaft, um geistliche Opfer darzubringen (das wäre der Verzicht), die Gott angenehm sind durch Jesus Christus!

Streben wir die göttliche Freiheit an, wachsen wir in dieser Gnade und Erkenntnis.

Zum Schluss möchte ich noch zwei Sätze aus dem Artikel zitieren, aus dem ich die Anregung zu dieser Predigt gefunden habe: „Freiheit ist eben nicht Abwesenheit von Zwängen, sondern die Fähigkeit, aus Liebe zum Nächsten verzichten zu können. Wer Freiheit als Abwesenheit von Zwang definiert, verwehrt dem Menschen das Ruhen in der Geborgenheit und programmiert Enttäuschung. Am Ende dieses Weges liegen.

von Hannes Zaugg


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