Jesus und die Kirche in Offenbarung 12

Zu Beginn des 12. Kapitels der Offenbarung berichtet Johannes von seiner Vision einer schwangeren Frau, die vor der Geburt steht. Er sieht sie in strahlendem Glanz – mit der Sonne bekleidet und den Mond unter ihren Füssen. Auf ihrem Haupt ist einen Kranz oder eine Krone von zwölf Sternen. Auf wen beziehen sich die Frau und das Kind?

Im 1. Buch Mose finden wir die Geschichte des biblischen Patriarchen Josef, der einen Traum hatte, in dem sich ihm eine ähnliche Szene offenbarte. Er sagte seinen Brüdern später, dass er die Sonne, den Mond und elf Sterne gesehen habe, die sich vor ihm verneigten (1Mo 37,9).

Die Portraits in Josefs Traum bezogen sich klar auf seine Familienmitglieder. Es waren Josefs Vater Israel (Sonne), seine Mutter Rahel (Mond) und seine elf Brüder (Sterne, siehe 1Mo 37,10). In diesem Fall war Josef der zwölfte Bruder oder „Stern“. Israels zwölf Söhne wurden bevölkerungsreiche Stämme und wuchsen zur Nation heran, die Gottes auserwähltes Volk wurde (5Mo 14,2).

Offenbarung 12 ändert die Elemente von Josefs Traum auf radikale Weise. Er interpretiert sie unter Bezugnahme auf das geistliche Israel neu – die Kirche oder die Versammlung von Gottes Volk (Gal 6,16).

In der Offenbarung beziehen sich die zwölf Stämme nicht auf das alte Israel, sondern sie symbolisieren die ganze Kirche (7,1-8). Die Frau, mit der Sonne bekleidet, könnte die Kirche als die strahlende Braut Christi darstellen (2Kor 11,2). Der Mond unter den Füssen der Frau und die Krone auf ihrem Haupt könnten ihren Sieg durch Christus symbolisieren.

Gemäss dieser Symbolik stellt die „Frau“ von Offenbarung 12 Gottes reine Kirche dar. Der Bibelgelehrte M. Eugene Boring sagt: „Sie ist die kosmische Frau, gekleidet mit der Sonne, mit dem Mond unter ihren Füssen und mit zwölf Sternen gekrönt, die den Messias hervorbringt“ (Interpretation: A Bible Commentary for Teaching and Preaching, „Revelation“, S. 152).

Im Neuen Testament ist die Kirche als geistliches Israel, als Zion und „die Mutter“ bekannt (Gal 4,26; 6,16; Eph 5,23-24; 30-32; Hebr 12,22). Zion-Jerusalem war die idealisierte Mutter des Volkes Israel (Jes 54,1). Die Metapher wurde in das Neue Testament übertragen und auf die Kirche angewandt (Gal 4,26).

Einige Kommentatoren sehen im Symbol der Frau von Offenbarung 12,1-3 eine breite Bedeutung. Das Bild, so sagen sie, ist eine Umdeutung von jüdischen Auffassungen über den Messias und heidnischen Erlösermythen unter Bezugnahme auf die Christuserfahrung. M. Eugene Boring sagt dazu: „Die Frau ist weder Maria, noch Israel noch die Kirche, sondern weniger und mehr als all diese. Die Bilder, die Johannes gebrauchte, bringen mehrere Elemente in einem Zusammenhang: Das Bild vom heidnischen Mythos der Himmelskönigin; von der Geschichte über Eva, die Mutter aller Lebenden, aus dem ersten Buch Mose, deren „Same“ den Kopf der urzeitlichen Schlange zertrat (1Mo 3,1-6); von Israel, der dem Drachen/Pharao auf Adlersflügeln in die Wüste entkommt (2Mo 19,4; Ps 74,12-15); und Zion, die ‚Mutter‘ des Volkes Gottes in allen Epochen, Israel und die Kirche“ (S. 152).

Mit dieser Betrachtung im Sinn sehen einige Bibelausleger in diesem Abschnitt Hinweise auf verschiedene heidnische Mythen sowie auch auf die Geschichte von Josefs Traum im Alten Testament. In der griechischen Mythologie wird die schwangere Göttin Leto vom Drachen Python verfolgt. Sie entkommt auf eine Insel, wo sie Apollo gebiert, der später den Drachen tötet. Fast jede mediterrane Kultur hatte irgendeine Version dieses mythischen Kampfes, in dem das Monster den Champion angreift.

Das Bild der Offenbarung von der kosmischen Frau brandmarkt all diese Mythen als falsch. Es besagt, dass keine dieser Geschichten versteht, dass Jesus der Erlöser ist und dass die Kirche das Volk Gottes bildet. Christus ist der Sohn, der den Drachen erschlägt, nicht Apollo. Die Kirche ist die Mutter von der und für die der Messias kommt; Leto ist nicht die Mutter. Die Göttin Roma – die Personifizierung des Römischen Reiches – ist in Wirklichkeit ein Typ der internationalen geistlichen Prostituierten, Babylon der Grossen. Die wahre Königin des Himmels ist Zion, die aus der Kirche oder dem Volk Gottes besteht.

Somit legt die Offenbarung in der Geschichte von der Frau alte politisch-religiöse Glaubensauffassungen bloss. Der britische Bibelgelehrte G. R. Beasley-Murray sagt, dass die Verwendung des Apollo-Mythus durch Johannes „ein erstaunliches Beispiel dafür ist, den christlichen Glauben durch ein international bekanntes Symbol zu kommunizieren“ (The New Century Bible Commentary, „Revelation“, S. 192).

Die Offenbarung stellt Jesus auch als Erlöser der Kirche dar – der lang erwartete Messias. Damit deutet das Buch die Bedeutung der alttestamentlichen Symbole auf eine endgültige Weise um. B. R. Beasley-Murray führt dazu aus: „Indem der dieses Ausdrucksmittel benutzt, hat Johannes mit einem Schlag die Erfüllung der heidnischen Hoffnung und der alttestamentlichen Verheissung in dem Christus des Evangeliums geltend gemacht. Es gibt keinen anderen Erretter ausser Jesus“ (S. 196).

In Offenbarung 12 wird auch der Hauptgegner der Kirche entlarvt. Er ist der Furcht einflössende rote Drache mit sieben Häuptern, zehn Hörnern und sieben Kronen auf seinem Haupt. Die Offenbarung identifiziert eindeutig den Drachen oder das Monster – es ist „die alte Schlange, die da heisst Teufel oder Satan, der die ganze Welt verführt“ (12,9 und 20,2).

Satans irdischer Bevollmächtigter [Stellvertreter] – das Tier aus dem Meer – hat ebenfalls sieben Häupter und zehn Hörner und er hat auch scharlachrote Farbe (13,1 und 17,3). Satans Charakter spiegelt sich in seinen irdischen Vertretern wider. Der Drachen personifiziert das Böse. Da die alten Mythologie viele Hinweise auf Drachen hatte, hätten die Zuhörer des Johannes gewusst, dass der Drachen aus Offenbarung 13 einen kosmischen Feind darstellte.

Was die sieben Häupter des Drachen darstellen, ist nicht unmittelbar klar. Da Johannes jedoch die Zahl sieben als ein Symbol der Vollständigkeit verwendet, deutet dies vielleicht auf die universale Natur von Satans Macht hin, und dass er in sich selbst alles Böse vollständig verkörpert. Der Drachen hat auch sieben Diademe oder königliche Kronen auf seinen Häuptern. Sie könnten Satans unberechtigten Anspruch gegen Christus darstellen. Als Herr der Herren gehören Jesus alle Kronen der Autorität. Er ist derjenige, der mit vielen Kronen gekrönt werden wird (19,12.16).

Wir erfahren, dass der Drache „den dritten Teil der Sternes des Himmels hinwegfegte und sie auf die Erde warf“ (12,4). Dieser Bruchteil wird im Buch der Offenbarung mehrmals verwendet. Vielleicht sollten wir diesen Ausdruck als eine bedeutende Minderheit verstehen.

Wir erhalten auch eine kurze Biographie über den „Knaben“ der Frau, ein Hinweis auf Jesus (12,5). Die Offenbarung erzählt hier die Geschichte des Christusereignisses und nimmt Bezug auf Satans erfolglosen Versuch, Gottes Plan zu vereiteln.

Der Drache versuchte das Kind der Frau zum Zeitpunkt seiner Geburt zu töten oder zu „fressen“. Dies ist ein Hinweis auf eine historische Situation. Als Herodes hörte, dass der jüdische Messias in Bethlehem geboren worden war, tötete er alle Kleinkinder in der Stadt, was zum Tode des Jesuskindes geführt hätte (Mt 2,16). Jesus ist natürlich mit seinen Eltern nach Ägypten entronnen. Die Offenbarung sagt uns, dass Satan in der Tat hinter dem Anschlag, Jesus zu ermorden – ihn zu „fressen“, stand.

Einige Kommentatoren glauben, dass Satans Versuch, das Kind der Frau zu „fressen“, auch seine Versuchung Jesu (Mt 4,1-11), seine Verdunkelung der Botschaft des Evangeliums (Mt 13,39) und seine Anstiftung zur Kreuzigung Christi umfasste (Joh 13,2). Indem er Jesus durch die Kreuzigung tötete, mag der Teufel angenommen haben, dass er einen Sieg über den Messias errungen hatte. Tatsächlich war es Jesu Tod selber, der die Welt rettete und das Schicksal des Teufels besiegelte (Joh 12,31; 14,30; 16,11; Kol 2,15; Hebr 2,14).

Durch seinen Tod uns seine Auferstehung wurde Jesus, das Kind der Frau „zu Gott und seinem Thron entrückt“ (12,5). Das heisst, er wurde zur Unsterblichkeit auferweckt. Gott hat den verherrlichten Christus zu einer Position von universeller Autorität erhöht (Phil 2,9-11). Es ist dazu bestimmt „alle Völker mit eisernem Stabe zu weiden“ (12,5). Er wird die Völker mit liebevoller, aber absoluter Autorität weiden. Diese Worte – „alle Völker regieren“ – identifizieren eindeutig, auf wen sich das Symbol des Kindes bezieht. Er ist Gottes gesalbter Messias, der dazu ausersehen ist, in Gottes Reich über die ganze Erde zu regieren (Ps 2,9; Rev 19,15).


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