Lazarus und der reiche Mann – eine Geschichte vom Unglauben

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Haben Sie schon einmal gehört, dass jene, die als Ungläubige sterben, nicht mehr von Gott erreicht werden können? Es ist eine grausame und destruktive Lehrmeinung, für deren Beweis ein einziger Vers im Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus herhalten muss. Wie aber alle Bibelstellen steht auch dieses Gleichnis in einem bestimmten Kontext und ist nur in diesem Zusammenhang richtig zu verstehen. Es ist immer schlecht, eine Lehrmeinung auf einen einzigen Vers zu stützen – und das um so mehr dann, wenn dieser in einer Geschichte steht, deren Kernaussage eine gänzlich andere ist. Jesus erzählte das Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus aus zwei Gründen: zum einen, um die Weigerung der Glaubensführer Israels anzuprangern, an ihn zu glauben, und des Weiteren, um die weit verbreitete Annahme zu widerlegen, Reichtum sei ein Zeichen für Gottes Wohlwollen, während Armut ein Beweis für seine Ungnade darstelle.

Das Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus ist das letzte in einer Reihe von fünf anderen, die Jesus einer Gruppe von Pharisäern und Schriftgelehrten erzählte, die – geldgierig und selbstgefällig, wie sie waren – Anstoss daran genommen hatten, dass Jesus auch um die Sünder kümmerte und mit ihnen gemeinsam eine Mahlzeit einnahm (Lk 15,1 und 16,14). Vorher hatte er schon das Gleichnis vom verlorenen Schaf, das vom verlorenen Groschen und das vom verlorenen Sohn erzählt. Damit wollte Jesus den Zöllnern und Sündern sowie den grollenden Pharisäern und Schriftgelehrten, die meinten, sie hätten keinen Grund zum Büssen, deutlich machen, dass bei Gott im Himmel mehr Freude über einen Sünder [ist], der ein neues Leben anfängt, als über neunundneunzig andere, die das nicht nötig haben (Lk 15,7 Gute Nachricht Bibel). Aber das ist noch nicht alles.

Geld versus Gott

Mit dem Gleichnis vom unehrlichen Verwalter kommt Jesus zur vierten Geschichte (Lk 16,1-14). Deren Hauptaussage lautet: Liebst du wie die Pharisäer das Geld, so wirst du Gott nicht lieben. Sich gezielt den Pharisäern zuwendend sagte Jesus: Ihr seid’s, die ihr euch selbst rechtfertigt vor den Menschen; aber Gott kennt eure Herzen; denn was hoch ist bei den Menschen, das ist ein Gräuel vor Gott (V. 15).

Das Gesetz und die Propheten bezeugen – so die Worte Jesu –, dass das Reich Gottes Einzug gehalten hat und ein jeder sich mit Gewalt hineindrängt (V. 16-17). Seine damit verbundene Botschaft lautet: Da ihr das so sehr schätzt, was bei den Menschen hoch im Kurs steht und nicht das, was Gott wohlgefällt, weist ihr dessen beschwörenden Aufruf zurück – und damit die Chance – durch Jesus Einlass in sein Reich zu finden. In Vers 18 kommt – im übertragenen Sinn – zum Ausdruck, dass die jüdischen Glaubensführer sich vom Gesetz und von den Propheten, die auf Jesus verwiesen, losgesagt und damit auch von Gott abgekehrt hatten (vgl. Jer 3,6). In Vers 19 setzt dann, eingebunden in die vorherigen vier Gleichnisse, die Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus ein, wie Jesus sie erzählte.

Eine Geschichte vom Unglauben

In der Geschichte gibt es drei Hauptfiguren: den reichen Mann (der für die geldgierigen Pharisäer steht), den armen Bettler Lazarus (jene gesellschaftliche Schicht widerspiegelnd, die von den Pharisäern verachtet wurde) und schliesslich Abraham (dessen Schoss im Jüdischen so viel wie Trost und Frieden im Jenseits symbolisierte).

Die Geschichte berichtet vom Tod des Bettlers. Jesus aber überrascht seine Zuhörer mit den Worten: … er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoss (V. 22). Das war genau das Gegenteil von dem, was die Pharisäer bei einem Mann wie Lazarus vermutet hätten, dass nämlich solche Leute wie dieser eben deshalb arm und krank seien, weil sie von Gott verdammt worden wären und folglich nach ihrem Tod auch nichts anderes als die Qualen der Hölle zu erwarten hätten. Jesus aber belehrt sie eines Besseren. Ihre Sichtweise sei eben genau verkehrt. Sie wüssten nichts vom Reich seines Vaters und irrten nicht allein in Hinblick auf Gottes Einschätzung des Bettlers, sondern auch hinsichtlich dessen Urteil über sie.

Dann bringt Jesus die Überraschung: Als der reiche Mann gestorben und begraben worden sei, hätte er – und eben nicht der Bettler – sich den Qualen der Hölle ausgesetzt gesehen. So habe er aufgeblickt und in weiter Ferne Abraham mit Lazarus selbst an seiner Seite sitzend wahrgenommen. Und er habe gerufen: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in die diesen Flammen (V. 23 – 24).

Abraham aber bekundete dem reichen Mann im Kern Folgendes: Dein ganzes Leben lang hast du den Reichtum geliebt und keine Zeit für Menschen wie Lazarus erübrigt. Ich aber habe Zeit für Menschen wie ihn, und nun ist er bei mir, und du hast nichts. – Sodann folgt der Vers, der so häufig aus dem Kontext gerissen wird: Und überdies besteht zwischen uns und euch eine grosse Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüber will, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber (Lk 16,26).

Hier und dort

Haben Sie sich je gefragt, warum überhaupt jemand von hier zu euch wechseln wollen sollte? Ganz offensichtlich ist, warum es jemanden von dort zu uns herüber ziehen sollte, den umgekehrten Weg jedoch beschreiten zu wollen, ergibt keinen Sinn – oder doch? Abraham wandte sich an den reichen Mann, indem er ihn mit Sohn ansprach; dann sagte er, dass noch nicht einmal jene, die zu ihm kommen wollten, dies – wegen der grossen Kluft – zu tun vermochten. Die dieser Geschichte zugrundeliegende Offenbarung ist die, dass es tatsächlich einen gibt, der diese Kluft um der Sünder willen überwunden hat.

Die Brücke über der Kluft

Gott gab seinen Sohn für alle Sünder dahin, nicht allein für solche wie Lazarus, sondern auch für solche wie den reichen Mann (Joh 3,16-17). Der im Gleichnis angesprochene Reiche aber, der symbolisch für die Jesus verurteilenden Pharisäer und Schriftgelehrten stand, lehnte den Sohn Gottes ab. Er trachtete nach dem, was immer schon Ziel seines Strebens gewesen war: nach persönlichem Wohlleben auf Kosten anderer.

Jesus schloss diese Geschichte mit der Bitte des reichen Mannes, jemand möge doch seine Brüder warnen, damit diesen nicht dasselbe widerfahre wie ihm. Abraham aber antwortete ihm: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören (V. 29). Auch Jesus hatte zuvor darauf verwiesen (s. V. 16-17), dass ja das Gesetz und die Propheten ihn bezeugten – ein Zeugnis, das er und seine Brüder jedoch nicht angenommen hätten (vgl. Joh 5,45-47 und Lk 24,44-47).

Nein, Vater Abraham, entgegnete daraufhin der Reiche, wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Busse tun (Lk 16,30). Worauf Abraham ihm antwortete: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde (V. 31).

Und sie waren nicht überzeugt: Die Pharisäer, Schriftgelehrten und Hohepriester, die sich verschworen hatten, um Jesus kreuzigen zu lassen, kamen auch nach dessen Tod zu Pilatus und fragten ihn, was es denn mit der Lüge der Auferstehung auf sich habe (Mt 27,62-66), und sie stellten jenen nach, die sich zum Glauben bekannten, verfolgten und töteten sie.

Jesus erzählte dieses Gleichnis nicht, um uns Himmel und Hölle möglichst anschaulich vor Augen zu führen. Vielmehr wandte er sich damit gegen die sich dem Glauben verschliessenden Religionsführer jener Zeit sowie gegen hartherzige und selbstsüchtige reiche Menschen zu allen Zeiten. Um dies zu verdeutlichen, bediente er sich der üblichen jüdischen Sprachbilder zur Darstellung des Jenseits (unter Rückgriff auf die den Gottlosen vorbehaltene Hölle sowie das Sein der Gerechten im Schosse Abrahams). Mit diesem Gleichnis nahm er nicht Stellung zur Aussagekraft bzw. Treffsicherheit der jüdischen Symbolik, das Jenseits betreffend, sondern nutzte jene bildliche Sprache einfach zur Veranschaulichung seiner Geschichte.

Sein Hauptaugenmerk war ganz sicher nicht darauf gerichtet, unsere brennende Neugier zu befriedigen, wie es denn wohl im Himmel und in der Hölle so sein werde. Vielmehr ist es sein Anliegen, dass uns Gottes Geheimnis offenbar werde (Röm 16,25; Eph 1,9 etc.), das Geheimnis früherer Zeiten (Eph 3,4-5): dass Gott in ihm, Jesus Christus, dem Fleisch gewordenen Sohn des allmächtigen Vaters, von Anbeginn an die Welt mit sich ausgesöhnt hat (2. Kor 5,19).
 
Wenn wir uns also vorrangig mit den möglichen Details des Jenseits beschäftigen, so kann uns das nur weiter von ebenjener Erkenntnis wegführen, die dem reichen Mann in jener Geschichte verschlossen blieb: Wir sollen und dürfen an den einen glauben, der von den Toten zurückkehrte.

von J. Michael Feazell


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